II. Veränderte Küsten
Fos-sur-Mer ist eine Stadt mit ca. 15.000 Einwohner*innen an der französischen Mittelmeerküste, die etwa 50 km nordwestlich von Marseille liegt und im Osten an das Rhône-Delta grenzt.
Der Golf von Fos beherbergt einen der größten Industriekomplexe Frankreichs, in dem unter anderem Stahlproduktion, Kraftstoffimport und Ölraffinerie angesiedelt sind. Am 18. Februar 2022 lief ein großer LNG-Tanker, die Hellas Diana, um seine Ladung mit amerikanischem Fracking-Gas zu entladen. Es war bereits der 22. LNG-Tanker, der im neuen Jahr Erdgas aus den USA nach Frankreich beförderte. Amerikanische LNG-Tanker belieferten Frankreich seit 2018, was jedoch in den französischen Medien und auch von der französischen Regierung selbst weitestgehend verschwiegen wurde. In Frankreich ist das Fracking zu kommerziellen oder Forschungszwecken verboten.
Frankreich war eines der ersten Länder, das in den 1960er Jahren mit dem Import von LNG begann, was heute einen erheblichen Anteil an den Erdgasimporten des Landes repräsentiert. Erdgas ist die drittgrößte Energiequelle in Frankreich nach der Kernenergie und dem Erdöl und macht laut der jüngsten Bewertung des französischen Umweltministeriums für 2020 etwa 15,8 % des gesamten französischen Energieverbrauchs aus. Die größten Exporteure von Erdgas nach Frankreich waren Norwegen (37 %) und Russland (17 %).
Seit 2017 strömt russisches Erdgas über das europäische Pipelinenetz nach Frankreich und von LNG-Tankern in die Häfen von Dunkerque und Montoir-de-Bretagne. Der französische Energieriese Total bezeichnet sich selbst als "zweitgrößter privater LNG-Anbieter weltweit" und hält einen Anteil von 20 % an Yamal LNG, Russlands größtem LNG-Exportprojekt mit Anbindung an den europäischen Markt, sowie 10 % an dem in der Nähe entstehenden Projekt Arctic LNG II. Der französische Gasriese Engie (ehemals GDF Suez) investiert ebenfalls weltweit und ist ein wichtiger Anteilseigner an der Nord Stream 2-Pipeline (zur Klarstellung: Engie war von 2008 bis 2015 unter dem Namen GDF Suez bekannt und entstand aus einer Fusion zwischen dem nationalen französischen Gasunternehmen GDF und dem multinationalen Unternehmen Suez).
Es brauchte viele Jahre und umfangreiche Investitionen, damit Schiffe wie die Hellas Diana im Golf von Fos verkehren konnten. Das Projekt stieß auf starken Widerstand, als die Umweltauswirkungen des Terminalbaus immer deutlicher wurden. Im Herbst 2002 wurden die Einwohner*innen besorgt, als Gaz de France (GDF) und ihre Tochtergesellschaft Elengy den Bau des neuen LNG-Importterminals Fos Cavaou beantragten. Dies würde die Region, die bereits über das kleinere Terminal Fos Tonkin versorgt wird, um eine wesentlich größere Importkapazität erweitern.
Fos-sur-Mer, 19. Februar 2022
Daniel Moutet, Vorsitzender des Vereins ADPLGF (Verteidigung und Schutz der Küste des Golfs von Fos) erklärt, wie seine Organisation entstand und welche Veränderungen der Bau des LNG-Importterminals Fos Cavaou mit sich brachte. Nach der öffentlichen Versammlung im Herbst 2002 gehörte er zur Gründungsgruppe von ADPLGF und führte einen umfassenden Rechtsstreit gegen GDF/Elengy, um ökologische Verbesserungen während der Bauphase des LNG-Terminals zu erzielen und die negativen langfristigen Auswirkungen zu mindern.
Interview mit Untertiteln nachstehend
Über den ersten Teil des Klage wurde erst nach mehreren Jahren geurteilt, während in der Zwischenzeit der Bau des gesamten Terminals erfolgte. Unterdessen verfolgte der Verein seine Klage weiter, um wichtige Bedenken auszuräumen wie etwa den ununterbrochenen Baustellenverkehr entlang des Strandes, die Öffnung einer Notbrücke von der Baustelle aus, die Beibehaltung einer Anlegestelle für Schiffe in Seenot (die ursprünglich entfernt werden sollte), die Verringerung der Größe sowie die Verstärkung der Gasspeicher (das Gebiet liegt in der Nähe einer seismischen Verwerfung). Aufgrund der von ADPLGF durchgeführten Studien ordnete der Präfekt (Gouverneur der Region) an, dass GDF/Elengy seine Lagertanks verkleinern und mit verstärkten Baustandards ausstatten müsse, und die Anlegestelle für Schiffe in Seenot wurde beibehalten. Im Jahr 2009, als das Terminal bereits gebaut war, verlor GDF/Elengy sein erstes Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Bau. Nachdem das Unternehmen gegen die Entscheidung Einspruch eingelegt hatte, verlor es etwa ein Jahr später erneut. ADPLGF verhandelte erfolgreich, um einen langfristigen Pachtvertrag für den Strand von Cavaou und die Sperrung der Strandstraße für den Industrieverkehr mit der Eröffnung einer Notbrücke zu erhalten.
Nach der Inbetriebnahme des Terminals wurde deutlich, dass die lokale Ökologie des Golfs durch die Erwärmung und Chlorierung des Meerwassers, welches zur Wiederverdampfung des LNG abgepumpt wurde, Schäden erlitten hatte. Auch zwei örtliche Kraftwerke nutzen das Wasser des Golfs als Kühlflüssigkeit. Daniel Moutet erklärt,
"[...] das Meerwasser, der Golf wurden geopfert. Wir haben einige Jahre später festgestellt, dass die Miesmuscheln verschwanden, die sich noch entwickelnden jungen Miesmuscheln, die dort im Golf auf einmal nicht mehr nicht mehr vorkamen. […] Es gab auch kein Seegras mehr direkt dort, wo das Wasser herauskam, wo es wieder erhitzt und chloriert wurde. Das hat eindeutig seine Spuren hinterlassen."
Moutet schreibt GDF/Elengy zu, dass sie ehrlich an der Lösung des Problems gearbeitet und eine bessere Methode zur Wiederaufheizung des Gases gefunden haben, indem sie ein Ersatzprodukt entwickelten, das kein Chlor enthält. Nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen sieht er den Energiekonzern nicht als Gegner. Er betont:
"Wir waren nicht gegen GDF/Elengy. Wir waren gegen den Standort (des Terminals)."
Seit seinem Erfolg bei der Erlangung von Konzessionen von GDF hat der Verein weitere wichtige Aktionen mit tatkräftiger Unterstützung der lokalen Regierung gestartet. In den vergangenen Jahren hat sich die Organisation gegen den Bau der Müllverbrennungsanlage für Marseilles Siedlungsabfälle in Fos-sur-Mer gewehrt und sich für eine bessere Luftqualität und eine Verringerung der Umweltverschmutzung eingesetzt. Die Einwohner*innen der Stadt werden seit Jahrzehnten industriellen Schadstoffen ausgesetzt, die für ungewöhnlich hohe Raten von Krankheiten, einschließlich Krebserkrankungen, verantwortlich sind und zu einem vorzeitigen Tod der Bevölkerung geführt haben. Die wissenschaftliche Forschungseinrichtung Institut écocitoyen wurde 2010 gegründet und war an einer Reihe von Studien über die Auswirkungen der Umweltverschmutzung in der Umgebung von Fos-sur-Mer beteiligt. Diese wurden von der französischen Regierung anerkannt, die 2018 ebenfalls selbst eine Studie durchführte, um die Konsequenzen der regionalen Luftverschmutzung zu bestätigen. Derzeit wird mit Hilfe von Drohnentechnik im Rahmen eines von ADPLGF in Zusammenarbeit mit dem Institut écocitoyen geleiteten Projekts zusätzliches Datenmaterial über die industrielle Verschmutzung im Golf gesammelt.
Moutet erkennt die eindeutigen Vorteile von Erdgas, dessen Verbrennung im Vergleich zu anderen industriellen Verbrennungsarten in Fos-sur-Mer viel weniger Schadstoffe verursacht. Er arbeitete 32 Jahre lang am Kohleimporthafen gegenüber dem heutigen Terminal Fos Cavaou und ist bestens mit den Folgen der Luftverschmutzung durch die angrenzenden Industrieanlagen vertraut, unter anderem durch das Stahlwerk von ArcelorMittal und die nahe gelegene petrochemische Raffinerie. Darüber hinaus sieht er in LNG einen Kraftstoff der Zukunft für Schiffe, indem er eine viel sauberere Verbrennung bietet als das auf großen Seeschiffen übliche Heizöl („Bunkerkraftstoff"). Die Luftverschmutzung durch die Schifffahrt wird jedes Jahr mit Tausenden von vorzeitigen Todesfällen in gefährdeten Regionen weltweit in Verbindung gebracht, und die Netto-CO₂-Emissionen der internationalen Schifffahrt würden vergleichsweise zu den zehn Ländern mit den höchsten Emissionen weltweit gehören.
Fos-sur-Mer, 19. Februar 2022
Der Strand von Cavaou in Fos-sur-Mer. Der Strand blieb dank des juristischen Erfolgs von ADPLGF geöffnet. Fos-sur-Mer, 20. Februar 2022
Fos-sur-Mer, 19. Februar 2022
Moutet ist der Ansicht, dass die Vorteile von Erdgas nicht für die gesamte globale Lieferkette gelten. Er stellt eine Veränderung bei den Ladungen fest, die in Fos Cavaou ankommen:
"Und jetzt ist da das berüchtigte amerikanische Gas, das Schiefergas, wie sie es nennen. Zuerst wollten sie es nicht importieren, aber jetzt sind sie froh, es zu haben.“
Gegen die Einfuhr von Fracking-Erdgas in Frankreich sprach sich 2016 die damalige französische Umweltministerin Ségolène Royal aus, doch es wurde kein Rechtsinstrument entwickelt, um die paradoxe Einfuhr eines Produkts zu verhindern, dessen Förderung auf französischem Boden verboten ist. Zu den Hindernissen gehörten die Regeln der Welthandelsorganisation, die einen uneingeschränkten Wettbewerb unabhängig von den Umweltauswirkungen im Exportland gewährleisten, so eine in Le Monde zitierte Quelle. Im Jahr 2014 schloss Engie mit dem amerikanischen Exporteur Cheniere einen Vertrag über "bis zu zwölf Ladungen pro Jahr" ab, während EDF (Électricité de France, der damalige Eigentümer des im Bau befindlichen Terminals in Dunkerque) im Jahr 2014 einen ähnlichen langfristigen Vertrag mit dem gleichen Lieferanten unterzeichnete, wie im selben Artikel in Le Monde berichtet wird. Dieser wurde durch einen kleineren kurzfristigen Vertrag zwischen EDF und Cheniere Energy im Jahr 2015 ergänzt.
Das Thema verschwand zum Großteil aus den französischen Medien, bis Le Monde im Jahr 2020 berichtete, dass die französische Regierung einen milliardenschweren LNG-Importvertrag zwischen Engie und dem amerikanischen Erdgasexporteur NextDecade aufgrund von Umweltbedenken in Bezug auf Fracking blockiert hatte. Darauf folgte 2021 ein erfolgreicher kleinerer Vertrag in Höhe von 1,67 Milliarden Euro unterzeichnet von Engie und Cheniere Energy, der nach Angaben Le Monde ohne das vorherige Wissen der französischen Regierung (23,6 % Anteilseigner von Engie) zustande kam. Dem Bericht zufolge war Engie nicht verpflichtet, den Vertrag für 2021 zur Genehmigung durch die französische Regierung offenzulegen, da es sich im Vergleich zu dem gescheiterten Vertrag von 2020 um relativ geringe Erdgasmengen handelte. Die Zeitung behauptete auch, Informationen erhalten zu haben, wonach Engie ein internes Memo herausgegab, in dem Insider angewiesen wurden, jegliche Öffentlichkeitsarbeit über den Vertrag zu vermeiden. Le Monde berichtet zwar ausführlich und kritisch über den "geheimen" Vertrag von 2021, geht aber nicht darauf ein, in welchem Umfang Frankreich bereits Fracking-Gas aus den USA importiert.
Die Hellas Diana entlädt LNG aus Corpus Chrisi, Texas, USA in Fos-sur-Mer, 19. Februar 2022
Fos-sur-Mer, 19. Februar 2022
Offiziellen Unterlagen des Energieministeriums der USA zufolge läuft amerikanisches LNG seit 2018 in französischen Häfen ein und erreichte im April 2021 einen monatlichen Höchststand von 1.023 Millionen Kubikmetern, bevor es sich im Dezember 2021 erneut den Rekordwerten näherte. Die ersten LNG-Tanker, die die USA in Richtung französischer Importterminals verließen, waren die Golar Snow (17. Oktober 2018) und die Clear Sky (22. Oktober 2018). Seitdem liefen mehr als 140 Tanker mit amerikanischen LNG-Ladungen in französische Häfen ein. Fast die Hälfte dieser Überfahrten fand allein im Jahr 2021 statt: 52 Schiffe kamen von LNG-Exportterminals der USA und lieferten insgesamt 4.836 Millionen Kubikmeter Erdgas.
Die französischen Medien haben es weitgehend versäumt, über die Ankunft von amerikanischem Fracking-Erdgas in Frankreich im Jahr 2018 oder den darauf folgenden Anstieg des Handels bis zu den jüngsten Entwicklungen in den Jahren 2020 und 2021 zu berichten. Anscheinend hatte sich dem Thema der ersten ankommenden Ladungen nur Observatoire des multinationales mit einem ausführlichen Artikel vom März 2019 gewidmet. Mit der Ankunft des Tankers Yiannis im Hafen von Dunkerque am 16. März 2022 erhält Frankreich außerdem die Ehre, die weltweit erste Tankerlieferung aus dem neu in Betrieb genommenen LNG-Terminal Calcasieu Pass in Louisiana zu empfangen.
Die USA sind dabei, sich zu einem der führenden Erdgasexporteure Frankreichs zu entwickeln, doch die französische Regierung erwähnt dies in ihrem jährlichen Energiebericht mit keinem Wort. Norwegen (36 %), Russland (17 %), Algerien (8 %), die Niederlande (8 %), Nigeria (7 %) und Katar (2 %) schaffen es in die Rangliste für 2020. Die amerikanischen Fracking-Gasausfuhren wurden möglicherweise dem verbleibenden Anteil von 23 % der Erdgaseinfuhren zugeordnet:
„[…] aus anderen Ländern, von denen ein Teil Gas umfasst, dessen Produktionsgebiet nicht zurückverfolgt werden kann (da es beispielsweise auf den nordwesteuropäischen Märkten gekauft wird). Deren Entwicklung bietet sich für eine Diversifizierung der Versorgung an, die durch die Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG) ermöglicht wird.“