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IV. Offene Saison

Der Hafenkomplex Rotterdam Maasvlakte 1 und 2 ragt wie eine geballte Faust in die Nordsee, etwa 30 km westlich der Stadt Rotterdam.

Die entstehende Maasvlakte 2, die von der Rotterdamer Hafenbehörde als "Europas modernster Hafen" bezeichnet wird, ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Landgewinnungsprojekts, mit dem Europas größter Hafenkomplex in Rotterdam erweitert und ein wichtiges Drehkreuz für fossile Brennstoffe ausgebaut werden soll. Das Gate-Terminal dient als Importhafen für LNG- und Erdöltanker, insbesondere aus Russland und den Vereinigten Staaten. Zwei kohlebetriebene Kraftwerke verbrennen ebenfalls Kohle, die direkt per Schiff angeliefert wird: Das eine gegenüber dem Gate Terminal wird von dem deutschen Energieunternehmen Uniper betrieben, das andere befindet sich in der Nähe und gehört dem amerikanischen Unternehmen Riverstone Holdings.

 

Das Gate-Terminal (oben), Ablaufwasser des LNG-Terminals und der Rohöltanker Blue Nova bei der Ankunft aus den USA (Mitte), großes Containerschiff (unten). Rotterdam Maasvlakte, Niederlande, 1. Mai 2022

 

Das Gate-Terminal ist ein wichtiger Teil der Rolle der Niederlande als Hauptverbraucher und -verteiler fossiler Brennstoffe in Europa. Bekannt für seine wirtschaftliche Innovation und hohe Lebensqualität, ist die niederländische Wirtschaft im Verhältnis zu ihrer Größe auch eines der Länder mit der größten Umweltverschmutzung in Europa. Nach den jüngsten Daten der Europäischen Kommission lagen die Niederlande bei den Treibhausgasemissionen pro Kopf im Jahr 2020 auf Platz 6 von 27 EU-Mitgliedstaaten. Das Land hat auch einen der größten Erdgasanteile in seinem Energiemix in Europa. Obwohl Investitionen in Erdgas als "Brückenkraftstoff" von der fossilen Brennstoffindustrie und führenden europäischen Politiker:innen immer wieder angepriesen werden, zeigt das Beispiel der Niederlande, dass die Treibhausgasemissionen in einer erdgaslastigen Wirtschaft mit hohem Energieverbrauch hoch bleiben können. In den kommenden zehn Jahren wird sich die niederländische Regierung zunächst darauf konzentrieren, den derzeit geringen Anteil erneuerbarer Energien durch Offshore-Windprojekte zu erhöhen und zu versuchen, die verbleibende Kohleverstromung des Landes allmählich abzubauen.

 

Zurückgewonnene Küstenlinie (oben) und Produktionsstätte für Offshore-Windturbinenfundamente, die von Sif betrieben wird (unten). Rotterdam Maasvlakte, Niederlande, 1. Mai 2022

 

Als wichtiger Markt für fossile Brennstoffe sind die Niederlande einer der wichtigsten Handelspartner Russlands und waren bis vor kurzem die am stärksten mit Russland verbundene Wirtschaft innerhalb der EU. Als drittgrößtes Zielland russischer Exporte im Jahr 2020 mit einem Wert von rund 20,0 Mrd. Euro wurden die niederländischen Importe aus Russland nur von China und dem Vereinigten Königreich übertroffen. Im Vergleich zum benachbarten Deutschland importierte die niederländische Wirtschaft im Jahr 2020 siebenmal mehr pro Kopf aus Russland. Ein großer Teil dieses Handels stammt aus Rohöl, das raffiniert und reexportiert wird, auch auf den deutschen Markt.  

In der Erklärung des Hafenbetriebs Rotterdam vom 23. Mai heißt es:

"Der Krieg in der Ukraine hat die Europäische Union und andere Gremien veranlasst, eine Reihe von Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Der umfangreiche Import von Energie (Rohöl, Ölprodukte, LNG, Kohle) ist von den Sanktionen (noch) nicht betroffen, aber insbesondere der Export und der Umschlag von Containern leidet unter der durch den Krieg und die Sanktionen verursachten Unsicherheit."

Zwar hatte die Europäische Kommission für den 8. April 2022 ein Embargo für Schiffe unter russischer Flagge in EU-Häfen angekündigt, doch die weit gefasste Liste der Ausnahmen umfasst Agrarimporte, Metalle und viele Energieprodukte. Die Unwirksamkeit des Embargos wird durch die Tatsache verstärkt, dass viele russische Flüssiggas-, Erdöl- und Chemikalientanker unter verschiedenen internationalen Flaggen fahren, wie es im weltweiten Energiehandel üblich ist.  

 

Der Rohöltanker Purovsky aus dem russischen Hafen Ust-Luga (oben) und das unter russischer Flagge fahrende Frachtschiff Rusich-6 aus St.-Petersburg. Rotterdam Maasvlakte, Niederlande, 1. Mai 2022

 

In der Tat war es größtenteils die russische Regierung, die die ständige Verringerung der Erdgaslieferungen nach Europa im Frühjahr 2022 bestimmte, da die europäischen Importe über die Pipelines Nord Stream 1 und Turkstream bis Mai auf dem Höchststand blieben und die Zahl der in den EU-Häfen ankommenden Flüssiggastanker sogar noch anstieg. Die Androhung der russischen Staatsfirma Gazprom, die Lieferungen zu unterbrechen, wenn die Zahlungen nicht auf Rubel umstellt würden, war der Grund für die Abschaltung der Gaslieferungen in Polen und Bulgarien am 27. April 2022. Unmittelbar nach dem Lieferstopp stellten große europäische Energieversorger, darunter Uniper, ihre Zahlungssysteme über die Gazprombank auf Rubel um, indem sie eine erste Zahlung in Euro leisteten, die dann in die russische Währung umgerechnet wurde. Vermutlich sind es die Unternehmen, die den Wechselkurs zahlen und damit den Forderungen von Gazprom nachkommen.

 

Das Uniper-Kraftwerk, Rotterdam Maasvlakte, Niederlande, 1. Mai 2022

 

Am 21. Mai war Finnland das letzte Land, das von russischen Gaslieferungen abgekoppelt wurde, nachdem das finnische Staatsunternehmen Gasum das neue Zahlungssystem nicht angewandt hatte. Ironischerweise wird das Energieunternehmen Uniper von Finnlands umsatzstärkstem Unternehmen Fortum kontrolliert, das sich ebenfalls mehrheitlich im Besitz der finnischen Regierung befindet. Wenige Tage zuvor hatte eine kleine Gruppe von Aktivist:innen vor der Uniper-Zentrale in Düsseldorf gegen die fortgesetzten Geschäfte des Unternehmens mit Gazprom sowie gegen die kontinuierlichen Investitionen in fossile Brennstoffe wie LNG und Kohle protestiert. Aufgrund des im März verkündeten EU-Embargos für russische Kohle wird der europäische Markt zusätzliche Lieferungen von anderen Produzenten beziehen, unter anderem aus Kolumbien, wo der Kohletagebau El Cerrejón ein Zentrum für Menschenrechtsverletzungen ist. Etwa 30 km von Düsseldorf entfernt plant der Energiekonzern RWE, das Dorf Lützerrath für die Erweiterung des eigenen Braunkohletagebaus Garzweiler, einem der größten in Europa, zu zerstören. 

 

Protest vor der Uniper-Zentrale, Düsseldorf, Deutschland, 18. Mai 2022

 

Während das Uniper-Kohlekraftwerk in der Maasvlakte seinen Betrieb fortsetzt, haben die Niederlande trotz ihrer Geschichte als großer Erdgasproduzent mit der Energiekrise zu kämpfen. Im März 2022 stieg die energiepreisbedingte Inflation allein um mehr als 4 % und um 10 % im Vergleich zum vorangegangenen Zwölf-Jahres-Zeitraum. Die inländische Produktion ist in den letzten Jahren zurückgegangen, insbesondere im Gasfeld Groningen, wo jahrzehntelange Umweltschäden, u. a. durch anhaltende Erdbeben bei Gasbohrungen, die Unternehmen Royal Dutch Shell und Exxon seit 2015 zu Entschädigungszahlungen in Höhe von mindestens 1,2 Mrd. Euro gezwungen haben. In Maasvlakte kündigte das Kraftwerk Onyx, das der amerikanischen Finanzgesellschaft Riverstone Holdings gehört, an, den Betrieb fortzusetzen und damit das ursprünglich von der niederländischen Regierung vorgeschlagene Abschaltdatum zu umgehen. Nach Angaben der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant ist der niederländische Klima- und Energieminister Rob Jetten "sehr enttäuscht" über diese Ankündigung, die trotz einer versprochenen Subvention in Höhe von genau 212,5 Millionen Euro für entgangene Gewinne im Zusammenhang mit der Schließung des Kraftwerks erfolgte. Riverstone Holdings ist zu dem Schluss gekommen, dass es bessere Geschäfte machen kann, wenn das Kraftwerk in Betrieb bleibt, da die Kohlekraft auf dem angespannten Energiemarkt angesichts der in die Höhe geschossenen Strompreise einen Aufschwung erlebt.

 

Schornstein des Kraftwerks Onyx, Rotterdam Maasvlakte, 1. Mai 2022

 

Die Schwierigkeiten, die die Niederlande in letzter Zeit mit den Erdgaspreisen und der stagnierenden Emissionsreduzierung hatten, haben die Regierung des Nachbarlandes Deutschland nicht davon abgehalten, eines der größten Infrastrukturprojekte für den Import fossiler Brennstoffe in der Geschichte des Landes in Angriff zu nehmen. Für das deutsche LNG-Terminalprojekt in Brunsbüttel wird derzeit eine 50-prozentige Kofinanzierung durch die deutsche Staatsbank KfW vorgeschlagen, was die bietenden Investoren, die staatliche niederländische Gasunie und das deutsche Energieunternehmen RWE, sehr motiviert hat. Dies ist nur eines von vielen geplanten LNG-Terminals in Deutschland, von denen einige erst kürzlich von der deutschen Regierung genehmigt wurden.

Im Gegensatz zu allen anderen großen EU-Wirtschaftsführern verfügt Deutschland über kein LNG-Importterminal. Als Europas größter Erdgasverbraucher ist es weiterhin auf Pipeline-Lieferungen direkt aus Russland über Nord Stream 1 sowie über norwegische, niederländische und belgische Verteilernetze angewiesen. Die Jamal-Europa-Pipeline, eine weitere wichtige Quelle für russisches Erdgas, wurde im Mai von Gazprom vollständig abgeschaltet. Während Länder wie Spanien und Frankreich schon seit Jahrzehnten über LNG-Importterminals verfügen, sind die deutschen Projekte aufgrund des Widerstands von Umweltschützer:innrn und unzureichender privater Investitionen bisher nicht zur Bauphase gelangt.

In der Nacht zum Freitag, am 19. Mai. 2022, um 23:26 Uhr, während ein Großteil Deutschlands bereits schlief, wurde der 39-seitige Gesetzentwurf zum LNG-Schnellverfahren vom Bundestag verabschiedet. Der Gesetzentwurf wurde einstimmig von der Regierungskoalition aus SPD, Die Grünen und FDP sowie von der Oppositionsfraktion CDU/CSU mit Enthaltung der Oppositionsparteien Die Linke und AfD verabschiedet. In dem neuen Gesetzentwurf heißt es:

"Mit dem am 24. Februar 2022 begonnenen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat sich die energie- und sicherheitspolitische Bewertung der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen unvorhergesehen kurzfristig und fundamental geändert", und weiter: "Vor diesem Hintergrund ist der unverzügliche und schnellstmögliche Aufbau einer unabhängigeren nationalen Gasversorgung äußerst dringlich und zwingend erforderlich.“

Während auf vielen Seiten erläutert wird, wie wichtig es ist, das normale Verfahren der Umweltverträglichkeitsprüfung und die üblichen Ausschreibungsregeln zu umgehen, gibt es unter dem Punkt "Alternativen" nur eine oberflächliche Antwort: "keine". 

 

Vorgeschlagener Standort für das "German LNG"-Terminal, Brunsbüttel, 15. Mai 2022

 

Andy Gheorghiu, einer der führenden deutschen Anti-Fracking-Aktivisten und -Berater, lehnt die vorgeschlagenen Terminals entschieden ab, da sie seiner Meinung nach "die verbindliche Verpflichtung Deutschlands zur Klimaneutralität bis 2045 über den Haufen werfen würden". Er begann seine umweltpolitische Karriere 2012, nachdem ein kanadisch-amerikanisches Unternehmen bei ihm in der Region Nordhessen anklopfte und eine Fracking-Lizenz beantragte. Bald darauf kündigte er seinen damaligen Job, um sich hauptberuflich gegen Fracking in Deutschland und international zu engagieren. Die Kampagne zur Verhinderung von Fracking auf deutschem Boden war erfolgreich. Seitdem engagiert sich Gheorghiu in Organisationen, die sich gegen Fracking-Importkraftstoffe entlang der transatlantischen Lieferkette einsetzen und seit 2018 in der Bewegung „Klimabündnis gegen LNG“. Gheorghiu erklärt,

"Uniper hat die LNG-Pläne für einen der Standorte in Wilhelmshaven verworfen, aber dann begann der Krieg und seitdem sehen wir einen wahnsinnigen Vorstoß für LNG-Terminals...Sie schießen wie Pilze aus dem Boden und wir debattieren jetzt über bis zu 11 LNG-Terminals für Deutschland", sagt Gheorghiu... "das LNG-Schnellverfahren will im Wesentlichen zwei Dinge tun. Zum einen sollen die Beteiligungsrechte der Öffentlichkeit eingeschränkt werden. Die andere Sache ist, dass LNG als vorrangiges öffentliches Interesse definiert wird, was es ihnen ermöglichen wird, eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu beschleunigen oder sogar ganz abzuschaffen. Auf jeden Fall eine Klimabilanz. Das würde im Grunde bedeuten, dass es überhaupt keine Prüfung geben wird.“

Für Gheorghiu sind die Alternativen klar, 

"In Zeiten wie diesen, wenn wir sehen, was diese starke Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen anrichtet, sollte und muss die erste Priorität lauten: Wie können wir unseren Gasverbrauch reduzieren? Die zweite Priorität sollte lauten: Wie können wir die Energieeffizienz steigern? Und die dritte wäre: Wie können wir die Produktion erneuerbarer Energien steigern? Es sollte nicht so sein, dass wir so weitermachen wie bisher, also vom Regen in die Traufe kommen... Wenn man süchtig nach Wodka ist und nüchtern werden will, steigt man nicht auf Whisky um, um seine Sucht loszuwerden, oder? Man muss schlicht und ergreifend nüchtern werden.“ 

Gheorghiu befürwortet die Einrichtung regionaler Arbeitsgruppen zur Ermittlung der Energieverschwendung und zur Feststellung des tatsächlichen Energieverbrauchs von Industrieunternehmen. Während er persönlich eine Erhöhung der LNG-Importe nicht für sinnvoll hält, zitiert er Studien, die zeigen, dass Deutschland den kurzfristigen Erdgasbedarf durch bestehende LNG-Importterminals in den Niederlanden und Belgien ersetzen könnte, wodurch sich der Bau neuer, großer Infrastrukturen für fossiles Erdgas erübrigen würde.

Interview mit Untertiteln unten (auf CC klicken)

 
 

Neue Onshore-Terminals wie in Brunsbüttel würden erst 2026 in Betrieb gehen und könnten nach dem neuen Gesetz bis 2043 weiter betrieben werden. Der Energiekonzern RWE behauptet zwar, dass er das Brunsbütteler Terminal in einen Importpunkt für grünen Wasserstoff umwandeln würde, aber bislang wurde keine technische Studie oder ein Plan dazu veröffentlicht. Bengt Bergt, SPD (Schleswig-Holstein), räumte in einer Rundfunkansprache vor der Abstimmung über das beschleunigte LNG-Gesetz am 19. Mai ein, dass "LNG nicht die beste Energiequelle ist, die Kühlung ist teuer und die Transportwege sind lang", aber dass "wir mit grünem Wasserstoff den Weg in die Zukunft der erneuerbaren Energien ebnen.“ Andy Gheorghiu bezeichnet den Plan als "technisch unmöglich", da höchstens 20 % Wasserstoff in die vorgeschlagene Infrastruktur gemischt werden könnten.

Am 25. Mai, eine Woche nach der Verabschiedung des Beschleunigungsgesetzes für LNG, kündigte der deutsche Energiekonzern RWE ein Abkommen mit Sempra Industries über den Import von Fracking-Erdgas aus dem derzeit im Bau befindlichen Terminal in Port Arthur, Texas, an. In der Pressemitteilung von RWE heißt es:

"Die Bedingungen sehen Verhandlungen und den Abschluss eines endgültigen Liefer- und Abnahmevertrags mit einer Laufzeit von 15 Jahren für etwa 2,25 Millionen Tonnen LNG pro Jahr vor. Die Mengen werden an der US-Küste angeliefert und können von RWE an jeden beliebigen Ort der Welt verschifft werden – zum Beispiel zu den geplanten LNG-Importanlagen in Deutschland.“

Und während Wirtschaftsminister Robert Habeck im März Katar einen öffentlichen Besuch abstattete, um sich um alternative Erdgaslieferungen zu bemühen, geht aus einem kürzlich erschienenen Artikel von The Middle East Eye hervor, dass das "katarische Gas" in Wirklichkeit von einer katarischen Tochtergesellschaft in Texas stammen würde, wo die Lieferungen durch Fracking gewonnen werden. Da das derzeitige Gesetz weder Umweltauflagen für LNG noch eine Klimabilanz vorsieht, können die einführenden Unternehmen das Transporttempo und die Herkunft ihrer Fracht frei wählen. Falls die deutsche Regierung beschließt, aus den LNG-Importen vor 2043 auszusteigen, könnten investierende Unternehmen laut Gheorghiu auch für entgangene Gewinne aus stillgelegten Terminals klagen.  

 

Brunsbüttel, 15. Mai 2022

 

Am 3. Juni kündigte die EU ein umfassendes Embargo für russische Öleinfuhren an, das bis Ende 2022 gelten soll.Ausnahmen würden Pipeline-Öl in bestimmte Mitgliedstaaten umfassen. Die Sanktionen würden jedoch rund 90 % aller russischen Einfuhren einschließlich aller Tankerlieferungen auf dem Seeweg betreffen. In der Pressemitteilung der Europäischen Kommission heißt es: "Das Verbot unterliegt bestimmten Übergangsfristen, damit sich der Sektor und die globalen Märkte anpassen können, sowie einer befristeten Ausnahmeregelung für Rohöl aus Pipelines, um einen geordneten Ausstieg aus dem russischen Öl sicherzustellen. Dies wird es der EU und ihren Partnern ermöglichen, alternative Lieferungen zu sichern und die Auswirkungen auf die weltweiten Ölpreise zu minimieren.“

Im Frühjahr passte Russland seine Strategie für den Export von Erdöl und Erdgas rasch an, behielt aber gleichzeitig das Geschäft mit dem europäischen Markt bei, wo es am profitabelsten blieb. Wall Street Journal berichtet, dass Russland die Lieferungen an die indischen Importeure umgeleitet hat, nicht nur um den Energiebedarf des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Welt zu decken, sondern auch um sie für den Weiterversand in die Vereinigten Staaten und nach Europa zu veredeln. Das russische Erdöl wird derzeit auf dem Weltmarkt zu einem niedrigeren Preis verkauft, aber die in die Höhe geschossenen Ölpreise haben dennoch zu einem Nettogewinn geführt. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA), eine gemeinnützige Denkfabrik mit Sitz in Helsinki, zeigt, dass "Russlands durchschnittliche Exportpreise um 60 % höher waren als im letzten Jahr, auch wenn sie von den internationalen Preisen herabgesetzt wurden.“

Die russischen Einnahmen aus fossilen Brennstoffen beliefen sich in den ersten 100 Tagen nach dem Einmarsch in die Ukraine auf insgesamt 93 Milliarden Euro, zu denen die EU etwa 57 Milliarden Euro (61 % des weltweiten Gesamtbetrags) beisteuerte. Deutschland führte die EU mit Gesamtzahlungen von rund 12,1 Milliarden Euro an, gefolgt von Italien und den Niederlanden mit jeweils 7,8 Milliarden Euro. Insgesamt erreichten die EU-Energieeinfuhren aus Russland eine bescheidene Senkung der Liefermengen um 16 %, wobei die oben genannten Importeure alle unter dieser Marke lagen. Einige Länder reduzierten ihre Einfuhren erheblich, darunter Schweden (99 %), Litauen (78 %), Spanien (56 %), Finnland (56 %), Polen (51 %) und Estland (51 %). Dies hinderte einige EU-Importeure jedoch nicht daran, von der Situation zu profitieren, die weit über die ersten zwei Wochen der russischen Invasion in der EU hinausging, in denen die Erdgaseinfuhren "auf das höchste in diesem Jahr beobachtete Volumen stiegen“.

Für den Zeitraum April und Mai hält der CREA-Bericht fest:

"Europäische Käufer in Frankreich, Belgien und den Niederlanden erwarben die meisten der kurzfristigen Frachten mit einem Preisnachlass und kauften LNG und Rohöl auf dem Spotmarkt. Diese Käufe finden außerhalb bereits bestehender Verträge statt und stellen daher eine aktive Kaufentscheidung dar."

Frankreich tätigte die meisten dieser Käufe im Wert von 899 Millionen Euro. Zusammen mit China, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien erhöhte Frankreich im Frühjahr die Gesamteinfuhrmengen aus Russland. Als wollte man beweisen, dass die seit Februar an die russische Regierung gezahlten über 4 Milliarden Euro rein geschäftlich sind, wurde Frankreich laut den jüngsten Berichten des US-Energieministeriums im März und April 2022 zum weltweiten Spitzenreiter bei den LNG-Importen von US-Fracking-Gas.

 

Die Nikolay Yevgenov aus Sabetta, Russland, wagte sich in die Gewässer des Mittelmeers, um ihre LNG-Lieferung zu entladen. Barcelona, 4. Juni 2022.

 

Die russische Invasion der Ukraine überschritt am 3. Juni ihren hundertsten Tag, ohne dass ein friedliches Ende in Sicht ist. Die dosierten Sanktionen der EU und die verzögerte Reaktion auf russische Energieimporte haben offenbar wenig oder gar nichts bewirkt, um Wladimir Putin und die Moskauer Führung von der Fortsetzung des Krieges abzubringen. Während ukrainische Getreidelieferungen im Schwarzen Meer festsitzen und Millionen von Menschen weltweit vom Hunger bedroht sind, liefern die von Russland gecharterten Tanker weiter an europäische Häfen. Die Bekanntgabe des Status der Ukraine und der Republik Moldau als EU-Beitrittskandidaten am Freitag, den 24. Juni, geschah zeitgleich mit der abendlichen Ankunft des Rohöltankers Nordic Josephine in Barcelona. Er wurde von MarineTraffic, einem Anbieter maritimer Analytik, gekennzeichnet als Vertrag „auf Bestellung" (kurzfristig) und kam aus Novorossiysk, dem größten russischen Schwarzmeerhafen. Anders als die öffentlich angekündigte Abfahrt der Yacht des russischen Oligarchen Roman Abromovich aus Barcelona im März blieb diese lukrative Ankunft jenseits der Schifffahrtswelt anonym. Während die Tourismussaison in der katalanischen Hauptstadt und entlang der Mittelmeerküste in vollem Gange angekommen ist, sind viele europäische Energieunternehmen auf der Suche nach vorteilhaften Erdgas- und Erdölgeschäften, ohne allzu viel Aufhebens darum zu machen, woher das Produkt kommt.

 

Ein Kreuzfahrtschiff passiert die Nordic Josephine in Barcelona, 24. Juni 2022.

 

An den europäischen Küsten ist die Saison für die LNG-Industrie eröffnet, denn die großen Exporteure, allen voran die Vereinigten Staaten, rüsten sich, um den zunehmend hungrigen europäischen Markt zu versorgen, und es fließen massive Subventionen aus öffentlichen Mitteln für neue Terminals. Neben Deutschland wollen weitere Mitgliedstaaten wie Italien, Polen und Frankreich ihre LNG-Importkapazitäten durch den Bau neuer schwimmender Offshore-Terminals in den kommenden Monaten ausbauen. In der Zwischenzeit prüfen die europäischen Regierungen ihre langfristigen Optionen für LNG-Importe weltweit. So besuchte Bundeskanzler Olaf Scholz im April persönlich den Senegal, um ein künftiges LNG-Geschäft zu sondieren, und das italienische Energieunternehmen Eni baut seine Aktivitäten in der Republik Kongo aus. Vor allem die Vereinigten Staaten befinden sich in einer erstklassigen Position, um den europäischen LNG-Markt langfristig zu dominieren, da Präsident Joe Biden persönlich verstärkte Lieferungen von US-LNG nach Europa befürwortet und US-Energieunternehmen die bestehenden Exportkapazitäten für ihre weltweit führende Produktion von Fracking-Erdgas rasch erhöhen.

Das Tauziehen zwischen Gazprom und den europäischen Importeuren erreichte mit Beginn des Sommers einen dramatischen Höhepunkt. Ein anfänglicher Einbruch der Gasflüsse von Nord Stream 1 in der Woche vom 30. Mai bis zum 5. Juni setzte sich in einen regelrechten Einbruch fort. Ende Juni war Nord Stream 1 nur noch mit 40 % seiner Kapazität in Betrieb. Gazprom erklärte, die Lieferprobleme seien auf einen Turbinenschaden zurückzuführen, der aufgrund der Sanktionen nicht behoben werden konnte. Am 11. Juli wurde die größte in Betrieb befindliche Gasverbindung zwischen Europa und Russland vollständig abgeschaltet. Da die reparierte Turbine im Rahmen einer Ausnahmeregelung von den Sanktionen aus Kanada eingeflogen werden sollte, kündigte Gazprom einen Wartungszeitraum und eine Vollsperrung der Leitung an. Unterdessen bleibt das Importland Deutschland skeptisch, dass Nord Stream jemals wieder in Betrieb gehen wird. Im Mai drohte Russland damit, die Pipeline komplett abzuschalten, falls die EU zusätzliche Sanktionen verhängen würde, die dann in Form des Ölembargos zum Jahresende verhängt wurden.

Eine rekordverdächtige Hitzewelle bewegt sich Mitte Juli von der Mittelmeerküste und der iberischen Halbinsel nach Norden und verschärft die in vielen Teilen Süd- und Westeuropas bereits herrschende Trockenheit. In der Sierra de Culebra in Galicien brannten während der Hitzewelle Ende Juni bereits dreißigtausend Hektar Wald beim bisher größten Waldbrand des 21. Jahrhunderts in Spanien. Französische Feuerwehrleute bekämpfen heftige Brände im Süden des Landes. Das Po-Becken in Norditalien ist so trocken wie seit 70 Jahren nicht mehr, und beim plötzlichen Einsturz eines Teils des Marmolada-Gletschers in den Dolomiten kamen am 3. Juli elf Menschen ums Leben, weil sich der Berg zu stark erwärmt hatte.

Viele europäische Staats- und Regierungschefs teilen die Meinung des Vizepräsidenten der Europäischen Kommission Josep Borrell, dass die Bewältigung des Klimawandels und der aktuellen Energiekrise kurzfristig eine sichere Gasversorgung erfordert. Aus diesem Grund befürworten sie neuerdings langfristige Investitionen in die LNG-Infrastruktur mit dem Versprechen, dass irgendwann ein schneller und effektiver Übergang zu kohlenstoffärmeren Energiequellen erfolgen wird.

Nicht alle europäischen Bürger:innen sind von diesem Weg überzeugt. Einige sind empört und organisieren sich, um die offene Saison für LNG zu stoppen...